András Gál ist 1968 in Budapest geboren, studierte Malerei an der Kunstakademie Budapest und hatte dort auch zeitweilig eine Assistenz inne. Inzwischen ist er gut auch in anderen europäischen Ländern, insbesondere in der Schweiz und in Deutschland, mit Ausstellungen und Austellungsbeteiligungen vertreten. Bei uns könnte er Ihnen 2007 bei der thematischen Ausstellungen „Color Based Paintings“ aufgefallen sein, da er – wie Sie sich heute überzeugen können - in der Tradition des sogenannten colorfield- oder radical painting arbeitet. Diese englischen Begriffe, die sich im Fachbereich durchgesetzt haben, fokussieren jedoch fälschlicherweise viel zu stark und undifferenziert die amerikanische Farbmalerei und die amerikanischen Weiterentwicklungen des Abstrakten Expressionismus.

Ohne nun zu weit ausholen zu wollen innerhalb der Geschichte und Entwicklung der abstrakten und monochromen Malerei, möchte ich uns allen auch nur kurz mit einigen Namen die ursprünglich europäisch-russischen Wurzeln dieser Kunstrichtung in Erinnerung rufen: 

Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian, Mark Rothko, Alexander Rodtschenko, (Victor Servranckx, Belgien) oder auch Wladislaw Strzeminski (der übrigens mit seinen sogenannten „unistischen Bildern“ aus den 30er-Jahren das „All-Over“ von Jackson Pollock lange vorwegnahm). Mit ihrer Malerei, also der Arbeit dieser „geistigen Väter“ eines jungen Malers wie Andras Gal, setzte bereits in den 20er-Jahren der Verzicht auf die abbildende Gegenständlichkeit ein, die Farbe selbst wurde zum Gegenstand und Thema des Bildes. D.h. der Grad der Abstraktion stieg an, bis es sich nicht mehr um eine Abstraktion von etwas handelte, sondern konkretisierte auf die Materialität der Farbe selbst. Für die damalige Malerei kulminierte diese Entwicklung in den bekannten “Weiß in Weiß -” oder “Schwarz in Schwarz - Bildern”; die Bildaussage, die Intention des Gemäldes, fiel erstmals mit dem “Gemälde/ Gemalten an sich” zusammen.

Zur nachfolgenden Generation, zur mittleren oder zweiten Generation dieser Farbmaler sind beispielsweise Ulrich Erben, Bruno Erdmann, Rupprecht Geiger, Raimund Girke, Gotthard Graubner, Marcia Hafif, Attila Kovács, Rolf Rose oder Günther Ücker zu nennen.

Übrigens, wenn ich das kurz einflechten darf, sind wunderbare ältere Arbeiten von Rolf Rose und Jerry Zeniuk ebenfalls ab heute Abend in der Ausstellung „arte povera bis minimal“ im Museum Wiesbaden zu sehen.

Zur jüngeren Generation der zeitgenössischen monochromen Maler zählen beispielsweise Stephan Baumkötter, Seán Shanahan, Peter Tollens, Dieter Villinger - und natürlich András Gál. Sie alle waren auch schon hier bei uns in Mainz vertreten.

In dieser Ausstellung sehen wir Arbeiten aus den letzten drei Jahren.

András Gál trägt die Ölfarbe mit Pinsel, Rolle, Spachtel und Malermesser auf die Leinwand auf und gibt ihr Struktur. Seine Arbeiten entstehen in Schichten durch wiederholtes Procedere. Er selbst gesteht, daß er sich dabei häufig vorkomme wie Sisyphos, also wie jene mythologische Figur, deren absurdes und sinnlos erscheinendes Tun nie einer Selbstverwirklichung diente, sondern ein Ausdruck von Sehnsucht und Sinnsuche war. 

Damit rekurriert Gál natürlich auf die Interpretation Camus‘ und gab einer ganzen Ausstellungsreihe, zu der auch bereits im letzten Jahr eine große retrospektive Schau im Ernst Museum in Budapest zählte, sicher nicht zufällig den Titel „Die Grenze der Malerei“.

Ob intendiert oder nicht, es scheint mir doch ein Beleg dafür, dass sich auch die jüngere Generation der monochromen Maler nach wie vor mit dem Zusammenbruch der Moderne konfrontiert sieht, womit in den 60er-Jahren jene Selbstanalyse und Debatte zwischen Künstlern und Kunstkritikern gemeint war, die den Prozeß der reduzierten Malerei, insbesondere in den USA, begleitet hat. Clement Greenberg’s derzeitige Maxime besagte: 

„Die Kunst schließt das Unnötige aus sich aus.“ (Vgl. Clement Greenberg: Die Essenz der Moderne; Dresden 1997, S. 19)

Nun ist ein jeweiliger Bildbegriff immer auch Teil des gesamten Epochenbewußtseins und 

so standen all diese kunsttheoretischen Erörterungen natürlich im Zusammenhang mit der damaligen Aktualität der Existenzphilosophie von Kierkegard, Sartre und Camus. 

Gleichwohl und, in gewisser Weise dem Diskurs zum Trotze, gaben die monochromen Maler zwar Antworten auf diese bekannte Debatte, die sogenannte Modernismus-Debatte, bleiben ihr jedoch schon lange nicht mehr kategorisch verhaftet und lassen sich nicht über die Tendenz zur Minimalisierung bis hin zur Verweigerung von Malerei treiben. 

„Grenze“ steht hier nicht für „Ende“, im Gegenteil: Es geht allein um Farbe, Farbwirkung, Farbe und Licht, Farbmaterialität und den Malprozeß. Es geht um die Aussagemöglichkeit der Malerei und um Selbstbezüglichkeit im Sinne Wittgensteins. So verleitet der Ausstellungstitel hier zu einer Abwandlung jenes bekannten Ausspruchs in: „Die Grenzen meiner Malerei bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

András Gál selbst sagt zum Herstellungsprozeß und den Aussagemöglichkeiten seiner monochromen Arbeiten: „Ich sehe meine Bilder noch heute nicht als Farb-Energie-Felder an, viel mehr als emotionell interpretierbare Farbenstrukturen, als Material der Farbe, die kalt und nass ist. Resignation, Überfluten, Ausströmen, Durchdringen, Spiel mit dem Unaussprechbaren – es sind alles Begriffe, die bei mir von höchster Wichtigkeit sind. Das Pigment ist von zweitem Rang...“ 

Zum einen muß ich bei diesen Worten auch an frühe Strukturbilder von Günther Ücker denken, mit dick aufgetragener Farbe in Schwarz, Weiss oder den namentlichen „Drecktönen“ und an seine „Fingerbilder“. Ücker sprach von „das Auge überspielenden“ Arbeiten, ihm ging es ebenfalls um die Haptik der Bildoberfläche und das manuelle Verhältnis zu seiner Kunst. (Vgl. Dieter Honisch: Uecker; Stuttgart 1983, S. 18)

Zum anderen erinnert es mich an eine informelle Vorgehensweise, bei der der Widerstand des Materials das Bild zumindest mitformt. Es ist ein Prozeß, der teilweise sichtbar bleibt, teils durch Verdichtung, durch Wiederholung, durch Eingriffe/ Einschnitte mit dem Messer, bis hin bei früheren Arbeiten zur Thematisierung von Abwesenheit durch das shaped canvas - Prinzip.

Wobei bei András Gál ein spielerischer Umgang mit dem Dagewesenen oder Vorgefundenen zu beobachten ist...

Neben der Struktur und dem Format ist die Beziehung des Situativen ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit... 

Er möchte damit u.a. den Ateliercharakter, das Bezugnehmen der Arbeiten aufeinander, wie in einem dicht gedrängten Lager veranschaulichen. Es geht um ganz bodenständige (im wahrsten Sinne des Wortes) Beziehungen und Elemente der Malerei.

 

Auf jeden Fall gehört auch Gál einer Malergeneration an, für die die Themen der Kunst der Nachkriegszeit längst alle formuliert sind; auf sie kann zurückgegriffen werden, oder sie können angezweifelt oder gar übersprungen werden bis hin zur Intention des klassischen Tafelbildes. Es handelt sich für diese Maler nicht darum, neue Themen zu finden, Neues zu Erfinden, soweit es das überhaupt gibt, sondern um malerische Intentionen, die niemals an Gültigkeit verlieren. Sie existierten bereits in der bedeutenden Umbruchphase der Renaissance, in der Romantik, in der Kunst nach 1945 ebenso wie heute.

Dieses Aufspüren, dieses gefühlte Wissen von Themen, die vielleicht so alt sind, wie die Menschheit selbst, finden wir gerade bei den Vertretern der essentiellen Malerei, - denken Sie beispielsweise an Gotthard Graubner ’s Tizian-Zyklus, an Jerry Zeniuk‘ s Rückbezüge auf Giotto , an Peter Tollens‘ Referenzen an die Tradition des Tafelbildes oder hier in dieser Ausstellung András Gál‘ s stille Hommage an van Dyck, - der übrigens seinerzeit auch die italienische Renaissance und Maler wie Veronese und Tizian studiert hatte.

 

Evelyn Bergner,Museum Wiesbaden